Anastassia Murašina
Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie diese Zeilen gelesen haben? Kamen dabei Angst, Anspannung oder Hoffnungslosigkeit auf?
Wenn ja, sind Sie nicht allein.
In der heutigen Welt erreichen uns Krisennachrichten – Kriege, Naturkatastrophen, Wirtschaftscrashs, Pandemien und gewalttätige Ereignisse – nahezu in Echtzeit. Wir sind nicht mehr nur Zeugen unserer eigenen Gemeinschaften, sondern Zuschauer globaler Turbulenzen.
Der Nachrichtenstrom reißt nie ab – soziale Medien, Schlagzeilen, Benachrichtigungen und Bilder halten uns in einem ständigen Zustand der Alarmbereitschaft, als wären wir persönlich in jedes Ereignis involviert.
Das menschliche Gehirn war jedoch evolutionär nicht für diese Art von globaler Informations- und Stressüberflutung ausgelegt. Die Gefahrensignale, die uns einst halfen, echte physische Bedrohungen zu überleben, werden jetzt jedes Mal auf die gleiche Weise aktiviert, wenn wir von einer Tragödie lesen – selbst wenn sie weit entfernt ist und uns nicht direkt betrifft.
Unser Gehirn reagiert auf unsichtbare Bedrohungen, als wären sie real und unmittelbar: Der Spiegel des Stresshormons (Cortisol) steigt, die Herzfrequenz erhöht sich, die Schlafqualität sinkt, und unsere Konzentrationsfähigkeit nimmt ab. Im Laufe der Zeit kann dieser Zustand zu einer chronischen Krisenwahrnehmung führen – einer psychologischen Bereitschaft für eine Krise, die nie wirklich eintritt. Das ist erschöpfend und zehrend und kann zu einem Burnout führen.
Dies ist ein Zustand, in dem eine Person ständig bereit bleibt, auf Gefahren zu reagieren, die sie nicht direkt betreffen. Er kann zu geistiger Erschöpfung und dem Gefühl führen, dass “nichts mehr gut tut”, während auch unsere Fähigkeit, die kleinen Freuden des Alltags zu genießen, verringert wird. Müdigkeit, verminderte Konzentration, Schlaflosigkeit, Angst und sogar Apathie sind in der heutigen Welt zunehmend verbreitete Erfahrungen.
Viele Menschen haben das Gefühl, die Nachrichten nicht mehr ertragen zu können, fürchten aber gleichzeitig, “etwas Wichtiges zu verpassen.” Dies erzeugt einen Teufelskreis – wir scrollen trotz Erschöpfung weiter und nehmen das Leid der Welt auf, über das wir keine wirkliche Kontrolle haben.

Chronische Krisenwahrnehmung betrifft nicht nur uns individuell – sie schleicht sich auch stillschweigend in unsere Arbeitstage ein und beeinflusst Fokus, Motivation und zwischenmenschliche Kommunikation. Hier sind einige einfache, aber effektive Schritte, die dabei helfen können, inneren Frieden und Ausgeglichenheit inmitten des globalen Chaos wiederherzustellen:
Schaffen Sie eine bewusste Informationsdiät.
Fragen Sie: “Hilft mir diese Information heute?”
Schaffen Sie innere Ruhe – und lassen Sie sie nach außen strahlen.
Wandeln Sie Hilflosigkeit in Handlung um.
Als Führungskräfte und Kollegen haben wir auch die Möglichkeit, einander bei der Bewältigung dieser anhaltenden Informationsüberflutung zu unterstützen. Das bedeutet nicht, alle Antworten zu haben – manchmal geht es einfach darum, anzuerkennen, dass es menschlich ist, sich ausgelaugt oder abgelenkt zu fühlen.
Achtsame Pausen von der Nachrichtenaufnahme fördern, gesunde Grenzen vorleben und Raum für Ruhe schaffen – selbst kleine Dinge wie ein ruhiger Moment vor einem Meeting oder das Nachfragen bei jemandem, der verstimmt wirkt – können zu einem geerdeteren Arbeitsumfeld beitragen.
Wenn Menschen sich unterstützt fühlen, wächst ihre Resilienz. Und wenn wir ein Umfeld schaffen, in dem es in Ordnung ist, innezuhalten und durchzuatmen, helfen wir allen, sich ein wenig vollständiger zu fühlen.

Unsere Gehirne waren nie dazu gedacht, das Gewicht der Welt rund um die Uhr (24/7) zu tragen. Wir können fürsorglich und achtsam sein, ohne uns selbst zu zerreißen. Lasst uns menschlich sein – und manchmal bedeutet das, “nein” zu den Nachrichten zu sagen, damit wir “ja” zu uns selbst sagen können.
Über den Autor

Beratende Psychologin bei Siffi
Anastassia ist eine Psychologin, die sich auf Beratungspsychologie, Wohlbefinden am Arbeitsplatz und Gruppenmoderation spezialisiert hat. Sie entwickelt Strategien und Werkzeuge zur psychischen Gesundheit für Organisationen, gestaltet und führt Schulungen durch und hilft Teams, gesündere und unterstützendere Arbeitsumgebungen zu schaffen.
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